Alexander Fufaev
Ich heiße Alexander FufaeV und hier schreibe ich über:

September 2015 - Oktober 2015: Physikstudium-Hölle und die Suche nach der Seelenverwandten

September 2014. Jeden Morgen stand ich um viertel vor sechs auf, um zu duschen, zu frühstücken und mich dann auf den Weg nach Harsum zu machen, wo der Zug nach Hannover fuhr. Nach Harsum reiste ich entweder mit dem Bus oder meine Mutter setzte mich dort ab, wenn sie zur Arbeit nach Algermissen fuhr. Wenn sie zu anderen Zeiten arbeitete und mich deshalb nicht nach Harsum bringen konnte, hatte ich keine Wahl als mit dem Bus zu fahren.

Leider konnte ich mit meinem Semesterticket nicht kostenlos fahren. Dieses war für die Busfahrt bis Harsum ungültig. Deshalb musste ich jedes Mal, wenn ich den Bus nahm, drei Euro für ein Ticket ausgeben, das ich aber zum Glück von meinem BAföG bezahlen konnte. Viel blieb von diesem Geld nicht übrig, da ich damit meiner Mutter half, Rechnungen und Schulden zu begleichen, wenn es finanziell kritisch wurde. Eigentlich hätte ich das Fahrrad meiner Schwester statt dem Bus nutzen können, um etwas Geld zu sparen, aber ich war zu faul dafür.

Die ganzen Vorlesungen und Tutorien gingen meist bis zum Nachmittag. Um bei der Rückfahrt nach Hause nicht eine Stunde in Harsum auf den Bus warten zu müssen, bearbeitete ich bis acht Uhr abends in der Unibibliothek die vier wöchentlichen Übungszettel in linearer Algebra, Analysis, Experimentalphysik und theoretischer Physik. Ich hatte die Einführungswoche für Studienanfänger nicht besucht und war deshalb in keiner der Lerngruppen, die sich in der Woche gebildet hatten.

Ich traute mich nicht, bei einer der Gruppen nachzufragen, ob ich mitmachen konnte. Ich war mal wieder in einer introvertierten Phase, wahrscheinlich weil mich die erfolglose Suche nach einer Wohnung etwas niedergeschlagen hatte. Daher arbeitete ich entweder allein oder manchmal mit Niels.

Um neun Uhr war meine Mutter mit dem Spätdienst fertig und holte mich aus Harsum ab. Von frühmorgens bis abends war ich in der Uni. Zu Hause, nach dem Abendessen, saß ich weiter bis spät in die Nacht an den Übungszetteln und kriegte es trotzdem nicht hin, sie fertig zu bearbeiten. Ich fühlte mich einfach zu dumm dafür und mein Kopf explodierte beinahe. Meine Mutter kam in mein Zimmer hinein und erinnerte mich daran, schlafen zu gehen, wenn es bereits Mitternacht war. Die Vorlesungen begannen am nächsten Tag um acht, was für mich hieß, dass ich um viertel vor sechs wieder aufstehen musste.

Mit jedem weiteren Tag baute sich ein ungewohnter Druck auf, der für mich nur schwer zu verkraften war. Während der Professor bereits über neue Themen sprach, stecke ich noch bei den alten und versuchte, sie richtig zu verstehen.

Die ganze Situation ließ mich in höllische Stresssituationen geraten, die ich vorher noch nie erlebt hatte und schon gar nicht im Physikunterricht. So hatte ich mir das Physikstudium nicht vorgestellt. Ich war wohl nicht allein – auch Niels war immer seltener in der Uni und brach schon bald das Physikstudium ab.

Meine Kraft ließ langsam nach, und der Spaß an der Physik schwand. Ich fing an, die Übungszettel und Vorlesungen auszulassen und lieber zu Hause zu bleiben. Stattdessen spielte ich gewertete Spiele in League of Legends und versuchte, weiter zum Diamant-Rang aufzusteigen, um zu den besten 1.5% der Spieler weltweit zu gehören. Oder ich schaute mir Let's Plays der allerbesten Spieler an.

Auf diese Weise schottete ich mich von der Außenwelt ab, genau wie früher. Jedes Mal, sobald ich das Spiel oder ein Let's Play startete, fühlte ich mich wie auf Knopfdruck deutlich introvertierter. Bei dem Gedanken an die letzten sozialen Interaktionen, wie das Ansprechen eines Mädels auf der Straße, kam bei mir ein Gefühl der Peinlichkeit auf, und ich dachte, dass ich diese Interaktion hätte lassen sollen.

Es gab aber auch Phasen, in denen ich in League of Legends nicht weiterkam. An solchen Tagen versuchte ich, Ideen auszuarbeiten, die mir während der Vorlesung, in der ich ohnehin nicht richtig mitkam, eingefallen waren. Beispielsweise bemerkte ich in einer Mathematikvorlesung, dass für ein und dieselbe Sache mehrere Synonyme und Notationen benutzt wurden. Dies führte dazu, dass ich glaubte, mich mit einer Sache noch nicht ausreichend auszukennen, obwohl ich dies bereits tat. Mir fehlte lediglich das Wissen über dieses spezifische Synonym oder diese Notation.

In der Schule war es oft ähnlich gewesen, ohne dass es mir aufgefallen war. Dieser Umstand veranlasste mich dazu, an den Tagen, an denen ich in League of Legends nicht weiterkam, eine einheitliche Notation zu entwickeln, um die Kommunikation in der Physik und Mathematik verständlicher und eindeutiger zu gestalten. Ich begann also, alle Begriffe und Schreibweisen, die ich in der Uni kennenlernte, eindeutig festzulegen, um unnötig viele Begriffe für ein und dieselbe Sache zu vermeiden.

So wagte ich etwas, was kein Mathematiker auf der Welt wagen würde, und entwickelte eine komplett neue Schreibweise für das seit Jahrhunderten bestehende Summen- und Produktzeichen. Dieses Summenzeichen war seitdem überall in meinen Videos und auf meiner Website zu finden.

Auch modernisierte ich das Periodensystem der Elemente, was wahrscheinlich auch kein Chemiker jemals wagen würde. Ich habe alle Bezeichnungen der Elemente vereinheitlicht, sodass sie mit dem Element-Symbol übereinstimmen und nicht mehr ins Englische übersetzt werden müssen. Zum Beispiel wurde Wasserstoff (H) zu Hydrogenium (H). Bor (B) wurde zu Borium (B). Kohlenstoff (C) wurde zu Carbonium (C). Stickstoff (N) zu Nitrogenium (N). Neon (Ne) zu Neonium (Ne). Titan (Ti) zu Titanium (Ti) und so weiter. Aluminium (Al) blieb natürlich weiterhin Aliminium (Al).

Ich fühlte mich in dieser Zeit sehr einsam. Sowohl zu Hause als auch in der Uni oder in der Mensa verbrachte ich meine Zeit meist allein. Ich sehnte mich nach einer Person, bei der ich mich geborgen fühlte. Einer Person, die mich in den Arm nehmen und mit motivierenden Worten bestärken würde, nicht aufzugeben. Einer Person, mit der ich zusammen einschlafen oder einfach etwas unternehmen könnte, um auf andere Gedanken zu kommen. Je verzweifelter mich das Physikstudium machte, desto mehr verspürte ich den Drang, diese eine Person zu finden. In meinem Zimmer an der Wand über meinem Schreibtisch hing mittlerweile ein bunt angemalter Zettel, auf dem stand: »Ziel: meine Seelenverwandte finden.«

Ich vertrat damals die Ansicht, dass das Universum durch und durch deterministisch war. Alles war vorherbestimmt. Mein Handeln war nur scheinbar selbstbestimmt. Alles, was ich angeblich nach freiem Willen tat, war lediglich eine Folge des vorherigen Zustands des Universums. Meine Zukunft stand also bereits fest und könnte mithilfe eines Horoskops möglicherweise schon in der Gegenwart offenbart werden.

Daher schaute ich mir, wenn ich die Uni schwänzte, verschiedene Horoskope an und untersuchte, welches die beste Vorhersagekraft hatte. Jeden Tag verglich ich die Aussage des Tageshoroskops mit meinen Erlebnissen. Erika Bergers Horoskop schien mir das beste zu sein, vor allem, weil ich dort mein Geburtsdatum eintragen konnte. Um meine Vermutung zu bestätigen, suchte ich nach Probanden bei Facebook, um herauszufinden, ob dieses Horoskop für andere Menschen genauso gut funktionierte.

Lediglich bei vier von zwanzig Personen, die mitgemacht hatten, sagte das Horoskop das Erlebte treffend voraus. Ich war einer dieser vier Menschen. Und obwohl es nach diesem Experiment keinen rationalen Grund gab, den Vorhersagen zu vertrauen, gewöhnte ich es mir dennoch an, täglich in Erika Bergers Horoskop zu schauen, um herauszufinden, ob ich meiner Seelenverwandten heute begegnen würde. Und eines Tages hatte es endlich geklappt…

Die Begegnung in der Mensa

Oktober 2014. Es war Mitternacht. Ich lag in meinem warmen Bett und betrachtete die im Mondlicht blau schimmernde Zimmerdecke. Draußen vorm Fenster schob sich der Mond zwischen den weißen Wolken hervor. Es war ganz still. Das Einzige, was ich hören konnte, war mein Atem. Ich fragte mich, warum es so verdammt schwer war, meine Seelenverwandte zu finden, obwohl ich so leicht an die Nummern der Frauen kam.

Aus einem Instinkt heraus stand ich auf und bewegte mich zum Fenster, öffnete es und schaute zum Vollmond hinauf. Nach einer kurzen Zeit spürte ich die von draußen hereindringende, herbstliche Kälte, die mich zum Zittern brachte, was mich seltsamerweise ein bisschen an das höchstemotionale Ende von Titanic erinnerte. Mein Mund war leicht geöffnet, sodass mein Atem kleine Wölkchen in der Nachtluft bildete. Ich starrte den Mond an und flüsterte: »Gott, wenn Du existierst, bitte ich dich, lass mich endlich meine Liebe finden. Ich möchte einem Menschen begegnen, mit dem ich bis zum Ende aller Tage zusammen sein werde. Bitte... Gott… ich warte schon so lange! Ich möchte sie endlich erleben – die wahre Liebe.«

Ich atmete tief ein und aus und schloss anschließend das Fenster. Im Zimmer war es kühl geworden. Ich kroch zurück ins Bett, umhüllte mich mit der Decke und steckte die Hände unters Kissen.

»Bin echt gespannt, ob es dich gibt«, flüsterte ich schmunzelnd. Dann machte ich meine Augen zu und schlief ein.

Am nächsten Tag riss mich das Weckerklingeln aus dem Schlaf. Es war ein Donnerstag. Noch bevor ich aufstand, griff ich zum Handy, um den Wecker abzustellen und anschließend meine Nachrichten zu checken. Als erstes schaute ich in mein Lieblingshoroskop. Fünf von fünf Sternen in der Kategorie »Liebe und Partnerschaft« und dann noch eine überraschende Beschreibung, in der stand, dass ich heute einem neuen Menschen begegnen und ein neuer Lebensabschnitt beginnen würde. Diese Vorhersage musste ich erst einmal verdauen. Das Horoskop hob meine Stimmung unglaublich, auch wenn ich beim Zähneputzen für kurze Zeit ins Zweifeln geriet. Dennoch hätte ich kaum besser in den Tag starten können. Obwohl ich die Dusche an diesem Morgen aus Zeitgründen ausließ, verdrängte das Dopamin meine Müdigkeit. Ich war hellwach.

Wenn das Horoskop nichts Besonderes vorhersagte, döste ich im Zug oder schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Doch heute war ich offen und sozial. Ich konnte meine positive Ausstrahlung kaum verbergen und lächelte die ein- und aussteigenden Fahrgäste an, in der Hoffnung, meine wahre Liebe unter ihnen zu entdecken. Es war ein Gefühl von Neugierde und positiver Spannung, das mich an diesem Tag begleitete.

In den ersten Vorlesungen, die bis zwölf Uhr dauerten, konnte ich mich kaum auf den Inhalt konzentrieren. Während der Mittagspause, auf dem Weg zur Mensa, begegnete ich zufällig Niels. Er schloss sich mir an und wir gingen zusammen essen. Ich entschied mich für eine Currywurst mit Pommes; so wie immer eigentlich, wenn es sonst nichts Leckeres gab. Wir setzten uns auf zwei freie Plätze und aßen. Zwei Jungs neben uns waren bereits mit dem Essen fertig und verließen den Tisch. Kurz danach kamen zwei Mädchen und belegten die gerade frei gewordenen Plätze. Doch wer sich da hingesetzt hatte, nahm ich erst wahr, als ich den Blick vom Teller hob und das blonde Mädchen entdeckte, das auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches saß. Das andere Mädchen konnte ich nicht erkennen, weil sie auf meiner Seite des Tisches saß, hinter Niels. Aber das war mir egal; ehrlich gesagt war mir in diesem Moment alles gleichgültig – ich hatte nur noch Augen für diese junge Frau. Sie schien mir nicht glücklich zu sein. Ihr Kopf hing über dem Teller – anscheinend hatte sie keinen großen Appetit. Manchmal hob sie leicht ihren Kopf, um nach links und rechts zu schauen – als würde sie etwas vergeblich erwarten – und senkte ihren Kopf wieder nach unten, wenn es nicht geschah. Sie sprach kaum mehr als ein paar Worte mit ihrer Freundin. Und, wenn etwas aus ihrem Mund kam, dann war es sanft und ohne Hektik – mit einer leichten Traurigkeit. Kurz holte sie ihr Handy aus der hellbraunen Tasche, schaute mit einem leeren Blick darauf und legte es wieder ab. All ihre Bewegungen, ihre gesamte Art, war mit niemandem, wirklich niemandem in der Umgebung vergleichbar. Ein anderer würde wahrscheinlich das Besondere an ihrer Gewöhnlichkeit nicht erkennen, doch mich faszinierte ihr einzigartiges Wesen. All das Gelaber und das klappernde Besteck an den Tischen um mich herum wurde in meinen Ohren plötzlich dumpf. Mit kurzen, unaufdringlichen Blicken ertastete ich sie in der geistigen Vorstellung.

Nachdem ich ein abgeschnittenes Stück Currywurst in meinen Mund schob und zu kauen begann, legte ich langsam das Besteck ab und legte meine Hände auf die Beine, um mich in ihre Lage zu versetzen und ihre Gegenwart zu spüren. Ich stellte mir vor, wie unsere Seelen sich aus unseren Körpern lösten, sich erst zögerlich aufeinander zubewegten, sich berührten und dann spielerisch miteinander tanzten. Es war ein neues, seltsames Gefühl; aber auch ein schönes Gefühl. Zu spüren, wie geborgen meine Seele in diesem Moment war.

Als mein Teller sich leerte, bekam ich Angst. Angst, sie gehen zu lassen. Deshalb sagte ich Niels, der bereits mit dem Essen fertig war, dass ich gern noch sitzen bleiben würde, um das Gegessene in Ruhe zu verdauen – und um etwas zu wagen ...

Die Mädels waren mit dem Essen fertig und saßen ebenfalls noch eine Weile am Tisch. Als es soweit war und die beiden aufstanden, um die Mensa zu verlassen, gab ich Niels ein Signal, dass wir nun gehen können. Nach der Abgabe des schmutzigen Geschirrs trennten sich unsere Wege an zwei verschiedenen Ausgängen. Doch ich konnte mich nicht dazu durchringen, die Tür aufzudrücken, weil die Zeit für einen Moment stehen geblieben war. Es kamen viele Fragen auf Wie konnte ich sie einfach so gehen lassen? Wir waren füreinander bestimmt! Gott hatte mir am gestrigen Abend meinen langersehnten Wunsch erfüllt, aber warum ließ er uns unterschiedliche Wege gehen? Musste ich in mein Schicksal selbst eingreifen? Wie weit war sie schon von mir weg? Konnte ich sie noch finden?

Ich wusste, dass ich vor einer Entscheidung stand; einer Entscheidung, die mein Leben verändern könnte. Nein! Ich würde nicht durch diese Tür gehen. Ich drehte mich schnell um und rannte in eine andere Richtung - zu ihr. Niels folgte mir. Glücklicherweise war sie noch nicht so weit entfernt, sodass ich sie in der Menschenmenge entdecken konnte.

»Warte mal!«, rief ich ihr zu, während ich sie einholte.

»Oh mein Gott!«, reagierte sie überrascht.

Ich war sehr aufgeregt. Interessanterweise war es eine neue Art der Aufregung. Eine Aufregung, die nichts damit zu tun hatte, dass ich eine junge fremde Frau ansprach, um sie zu fragen, ob wir uns mal kennenlernen könnten. Nein, nein, diese Aufregung bestand, weil ich der festen Überzeugung war, dass vor mir die Frau stand, mit der ich mein Leben verbringen werde.

»Alexander ist mein Name!«, sagte ich freundlich und reichte ihr meine Hand.

»Julia«, entgegnete sie mir mit dem freundlichsten Lächeln des Universums und gab mir ihre Hand, die ich für ein paar Sekunden hielt und mit meinem Daumen unauffällig streichelte. Dabei sah ich in ihre wunderschönen, blauen Augen und merkte, wie sie funkelten.

Wir verließen gemeinsam durch den Hauptausgang die Mensa und lernten uns ein bisschen kennen. Sie stellte mir viele Fragen und alles, was ich antwortete, schien bei ihr freudiges Interesse auszulösen. Als wir an der Fakultät für Bauingenieurwesen ankamen, tauschten wir Handynummern aus und verabschiedeten uns. Hinter Julia saßen zwei Typen, die mich angrinsten. Der eine zeigte mir einen Daumen nach oben. Mein Gespräch mit ihr hatte ihm anscheinend sehr gefallen. So viel Dopamin auf einmal konnte ich nicht verkraften, aber ich versuchte, mich weiterhin normal zu verhalten. Ich war fassungslos bei dem Gedanken, so ein wunderbares Mädchen kennengelernt zu haben, und zwar nach der Vorhersage des Horoskops und nach meiner Bitte an Gott. Eins wurde mir in diesem Moment klar: Es fühlte sich nicht wie ein Zufall an. Es fühlte sich an wie ein echter Eingriff Gottes in mein Leben. Voller Freude holte ich das Kreuz von Gogi aus dem Pullover hervor und küsste es.

In den darauffolgenden Vorlesungen war ich so konzentriert wie noch nie! Schließlich war ich der festen Überzeugung, eines meiner Lebensziele erreicht zu haben. Das gab mir den Ansporn, mein Studium mit neuem Eifer zu verfolgen. Meine Motivation divergierte auf der Zeitachse ins Positive.

Am Ende des Tages, auf dem Weg nach Hause im Zug schrieb ich meine erste WhatsApp-Nachricht an sie. Ihre Freude, die sie durch unzählige Emojis zum Ausdruck brachte, war nicht zu übersehen. Als ich zu Hause ankam, teilte sie mir etwas mit, das mein Glücksgefühl noch weiter verstärkte und kurze Zeit später schrieb mich ihre Mutter an und freute sich, mich bald kennenlernen zu dürfen.

Es ging alles so schnell, dass ich in kürzester Zeit das Gefühl bekam, wir wären bereits in einer Beziehung – füreinander bestimmt – obwohl wir beide noch nie in einer Beziehung waren.

An einem Montag trafen wir uns am Hauptbahnhof und machten uns gemeinsam auf den Weg zur Uni. Wir redeten über unterschiedlichste Dinge und keiner von uns schaute ein einziges Mal auf das Handy. Das hatte ich davor ehrlich gesagt noch nicht erlebt; das wiederum zeugte von einer Menge Respekt und Interesse. In der S-Bahn, kurz vor dem Aussteigen, berührte ich leicht ihre Hand, mit der sie sich an einem der Sitze festhielt, und verließ die S-Bahn, ließ sie weiterfahren.

Nach der zweistündigen Vorlesung war ich auf dem Weg zur Bibliothek, um eine Hausübung zu bearbeiten, die ich bis zwölf Uhr abgeben musste. Aber – wohl durch scheinbaren Zufall – sah ich Julia mir entgegenkommen. Sofort war die Hausübung vergessen. Ich schlug ihr vor, einen gemeinsamen Spaziergang durch den Park zu machen. Sie war einverstanden, versicherte sich aber, ob ich meine Hausübung dafür wirklich sausen lassen konnte.

»Ich habe alles unter Kontrolle«, entgegnete ich ihr mit einem leicht ironischen Ton und wir machten uns auf den Weg zum Park.

Es war ein wundervoller, warmer und sonniger Tag im Oktober. Sie war ein Mensch, mit dem man über Dinge reden konnte, die nicht alltäglich waren. Wir redeten nicht, nein, wir philosophierten über Gott und die Welt; über die Liebe und über den Tod. Ihre Tiefgründigkeit und Melancholie faszinierten mich sehr. Sie war ein Mensch, von dem ich viel lernen konnte. Ihre Worte waren weise und ihre sanfte Stimme klang wie eine wunderschöne Melodie in meinen Ohren.

Zwischendurch setzten wir uns auf eine Bank, ohne das Gespräch zu unterbrechen. In kurzen Momenten schwiegen wir einfach und genossen die Vegetation und die Sonne, die ihre warmen, Strahlen durch die Blätter der Bäume auf uns warf. Ich fragte Julia, ob sie mir ihre Hand geben könne. Ohne zu zögern, legte sie ihre Hand in meine, die ich anschließend mit meiner zweiten Hand fest umfasste und meinen Blick in Richtung der Sonne richtete. Meine eiskalten Hände spürten nach einer langen Zeit wieder Wärme. Am liebsten hätte ich diesen Moment für immer eingefroren. Doch die gemeinsamen Stunden vergingen wie im Flug – und sie musste gehen.

Mit meinem emotionalen und direkten sexuellen Verlangen nach ihr vertrieb ich sie für immer. Sie wollte nichts mehr von mir hören und blockierte auch meine Handynummer.

Es lagen Wochen der Traurigkeit und des Liebeskummers vor mir. Ich wollte Julia zurückgewinnen. Da ich aber ihr nicht mehr schreiben konnte, fragte ich ihre Mutter, ob sie mir irgendwie helfen würde. Sie tröstete mich kurz und sagte, dass Julia jetzt einen neuen Freund hatte. Der Liebeskummer würde schon vergehen, versicherte sie mir.


Zukünftige Learnings aus diesem Lebensabschnitt:
  • Die verkrampfte Suche nach einer Beziehung lässt mich nicht schneller einen Partner oder eine Partnerin finden und beeinträchtigt meine anderen Tätigkeiten. Das gilt auch für alle anderen denkbaren verkrampften Versuche, etwas zu erreichen.
  • Wenn ich geselliger sein möchte, sollte ich Computerspiele und Let's Plays meiden, insbesondere am Anfang des Studiums, da soziale Interaktion mit Kommilitonen entscheidend für den Erfolg des Studiums ist.
  • Wenn ich etwas komplett Neues mache oder entwickle (wie z.B. ein neues Summenzeichen), werde ich immer auf sehr viel Skepsis und Kritik stoßen. Deswegen sollte ich das Neue nicht sofort verwerfen.
  • Ich muss lernen, mich nicht mehr nach dem Horoskop oder anderen äußeren Umständen auszurichten.
  • Ich sollte geduldiger sein. Ich sollte meiner neuen Partnerin Zeit geben. Ähnlich wie eine Blume benötigt auch die Liebe Zeit, um zu gedeihen. Das geschieht wohl nicht von heute auf morgen!