Alexander Fufaev
Ich heiße Alexander FufaeV und hier schreibe ich über:

September 2022: Nico, mein neuer Freund

Gegen zehn Uhr, nach einem Frühstück mit Kaffee und zwei Toasts mit veganem Schokoaufstrich, machte ich mich auf den Weg zum Baumarkt, um einen Haken für meinen Lampenschirm zu besorgen. Hanna hatte mich gestern noch über WhatsApp gebeten, Scheuermilch und Essigreiniger mitzubringen. Ohne genau zu wissen, wofür diese Reinigungsmittel gut waren, stimmte ich zu. Also ging ich auch noch bei Rossmann am Bahnhof vorbei und begab mich direkt zur Reinigungsabteilung. Dort stand ich vor einer breiten Auswahl an Putzmitteln, vom WC-Reiniger über Scheuermilch bis hin zu Glas- und Bodenreinigern. Als Putzanfänger war ich überwältigt von der Vielfalt der Produkte. Für jede spezifische Verschmutzung schien es ein spezifisches Putzmittel zu geben. Ich nahm die Scheuermilch und den Essigreiniger aus dem Regal und las auf den Verpackungen die Anwendungsbereiche. Die Scheuermilch war für hartnäckige Fett- und Kalkablagerungen im Bad und in der Küche auf Keramik und Metallflächen gedacht. Der Essigreiniger sollte mühelos Kalk- und Seifenablagerungen entfernen.

»Wäre es nicht einfacher, normales Spülmittel aus der Küche zu benutzen? Nun ja, Hanna wird sich dabei schon etwas gedacht haben« sinnierte ich, während ich mit den beiden Reinigungsmitteln zur Kasse ging.

Nachdem ich wieder zu Hause angekommen war, brachte ich die Putzmittel in den Badezimmerschrank. Dort herrschte allerdings kaum noch Platz, da viele der Reinigungsmittel, die ich im Laden auf einem langen Regal verstreut gesehen hatte, bereits hier in einem kleinen Fach dicht an dicht standen. Ich setzte mich hin und begann, die Rückseiten der Putzmittel zu studieren. Als ich dann zum Holzbodenreiniger griff, merkte ich, dass ich das Gelesene der vorherigen Putzmittel bereits wieder vergessen hatte.

»Ach egal, ich werde es in der Praxis lernen«, dachte ich und begab mich in mein Zimmer, um meinen Lampenschirm mit dem Sockel zu montieren, da ich sonst kein Licht im Raum haben würde.

Die Decken waren ziemlich hoch, sodass der Küchenstuhl nicht ausreichte, um die drei Kabel zu erreichen, die aus der Decke hingen. Also baute ich mein PC-Setup ab und schob den Schreibtisch unter die Lampe, wodurch ich gerade so auf Zehenspitzen die Kabel erreichen konnte. Den Haken, den ich in die Decke schrauben wollte, erreichte ich jedoch nicht mit der Hand. Also holte ich erneut den Küchenstuhl, schaltete nebenbei die Sicherung aus, stellte den Stuhl auf den Tisch und kletterte vorsichtig darauf. Ich hielt mich an der Stuhllehne fest und schraubte mit der anderen Hand den Haken ein. Die Phasenleitung, Schutzleiter und Erdung konnte ich auch gerade so erreichen, ohne den Stuhl zu verwenden, und schloss den Lampenschirm an. Anschließend befestigte ich noch meine Smartlampe, die ich über eine App in Farbe und Helligkeit steuern konnte.

Dann ging es mit der Küche weiter. Ich war überwältigt von der schieren Anzahl an Aufgaben. Als erstes räumte ich alles aus den Schränken aus und nutzte Spülmittel mit lauwarmem Wasser in einem Eimer, um die verstaubten und verdreckten Schränke innen sauber zu machen. Das Wasser wurde schnell pechschwarz, also musste ich es mehrmals auswechseln.

Anschließend widmete ich mich dem dreckigen Fenster. Dazu fragte ich Jule per WhatsApp, wie man Fenster richtig putzt. Sie antwortete mir direkt mit einer Sprachnachricht. Ich holte den Glasreiniger aus dem Badschrank und wandte Jules Anleitung in der Küche und in meinem Zimmer an. Die drei großen Fenster sahen danach so sauber aus, als wären sie gar nicht mehr da, und ich fühlte mich wie ein Profiglasreiniger. Dann wechselte ich erneut das ultra-schmutzige Wasser im Eimer aus und widmete mich den Küchenschubladen.

Als ich das Besteck herausholte, knurrte mein Magen. Es war bereits siebzehn Uhr und in diesem Küchenchaos war es unmöglich zu kochen. Ich entschied mich, einen Inca Veggie-Burger und eine Cola über Lieferando zu bestellen. Während ich darauf wartete, putzte ich weiter, räumte die Schubladen aus und reinigte sie gründlich. Nebenbei füllte ich das Waschbecken mit Wasser und fügte etwas Spülmittel hinzu, um die schmutzigen Küchenutensilien zu reinigen.

Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür, und mein Essen war endlich da. Ich trocknete meine Hände ab und machte eine kurze Esspause. Der Burger schmeckte göttlich. Wahrscheinlich, weil ich so hungrig war. Während ich den Burger aß, schaute ich mich in der nun viel saubereren Küche um. Nach einem Schluck Cola schaute ich auf die Rückseite der Flasche: Neun Gramm Zucker auf hundert Milliliter. »Gar nicht so viel Zucker«, dachte ich. »Aber Koffein ist auch enthalten, und ich sollte am Nachmittag nicht zu viel Koffein trinken«, erinnerte ich mich.

Ich schmierte mir nach dem Burger noch zwei Toasts mit Schokoaufstrich und zwei mit Baked Beans, um meinen Hunger komplett zu stillen. Während ich das Brot schmierte, entschied ich spontan, keine Softdrinks mehr zu trinken. Das sollte meine heutige 1%-Verbesserung für meine Gesundheit sein. Mein erstes bewusstes Lebensupgrade.

Nach dem Essen wusch ich weiter die Schubladen, während Mo am tropfenden Wasserhahn saß und versuchte, die Tropfen mit der Tatze und dem Mund zu fangen.

Jemand schloss die Wohnungstür auf. Ich schaute in den Flur. Es war Hanna, mit einem Papierbeutel in der Hand. Offensichtlich war sie wieder dabei, übrig gebliebene Brötchen zu retten. Sie benutzte eine App namens »Too Good To Go«, bei der sie zu einem vergünstigten Preis eine Überraschungstüte mit Brot und belegten Brötchen kaufen konnte, um sie vor dem Müll zu bewahren.

»Hallo, Hanna«

»Hallo, Sascha. Du bist ja fleißig, wie ich sehe.«

»Ja, ich bin den ganzen Tag schon hier am Putzen«, erwiderte ich, während ich den nun sauberen Besteckkasten mit einem Handtuch trockenrieb.

»Sorry, ich kann dir morgen erst helfen. Ich will nur noch aufs Sofa und meine Serie gucken.«

»Kein Problem, ich bin gerade sowieso sehr motiviert zum Putzen.«

Ich putzte die Küche noch bis spät in die Nacht. Das Anstrengendste war es, den Herd mit einem Stahlschwamm zu schrubben. Hier kam die Scheuermilch zum Einsatz. Mit der Scheuermilch verpasste ich auch dem Waschbecken neuen Glanz, brachte den Müll runter und war um dreiundzwanzig Uhr endlich fertig.

Völlig verschwitzt und erschöpft stand ich stolz vor der blitzsauberen Küche und war voller Motivation, mich morgen dem Badezimmer zu widmen.

zzZ...

Auf diese Weise erlernte ich erst mit meinen dreißig Jahren das Putzen des Haushalts, unter anderem den Umgang mit den verschiedensten Putzmitteln. Nun konnte ich auch eine Toilette putzen oder Wäsche nach Farben sortieren, samt der richtigen Anwendung von Waschmitteln.

Während meiner Zeit bei meiner Mutter beschränkte sich meine Haushaltstätigkeit auf das Staubsaugen, Ausräumen des Geschirrspülers, Müllentsorgung, Kartoffelschälen und gelegentliches Einkaufen. Alle anderen Aufgaben erachtete meine Mutter als zu komplex, um sie einem Theoretiker anzuvertrauen. Bei meinen Besuchen bei Jule half ich beim Auf- und Abhängen der Wäsche und übernahm in der Küche kleinere Tätigkeiten wie Gemüseschneiden oder Nudelnkochen. Erst mit meinem Einzug in die WG erfuhr ich die ganze Bandbreite der Haushaltsverantwortung.

Im Vergleich zu Hanna, Mara und Joachim, die schon mit achtzehn oder etwas später ausgezogen waren und mich belächelt hatten, dass ich noch bei meiner Mama wohnte, hatte ich einen wesentlichen finanziellen Vorteil: Ich war nicht darauf angewiesen, meine Zeit gegen Geld zu tauschen, um meine mamafreie Wohnung zu finanzieren. Durch meine monetarisierten englischen und deutschen YouTube-Kanäle, die Werbung und Spendeneinnahmen auf meiner Website konnte ich meinen Lebensunterhalt bestreiten. Mein Hobby, das ich nun neben dem Studium gewerblich betrieb, generierte ein ausreichendes passives Einkommen, das mir ermöglichte, ohne reguläre Arbeit zu leben. Zwar konnte ich mir keine Reisen leisten, was sowieso nicht ganz mein Ding war, aber ich hatte viel freie Zeit, die ich nach meinen Wünschen gestalten konnte. Mein Schlaf- und Wachrhythmus bestimmte ich selbst, und abgesehen von meiner Masterarbeit und den Haushaltsverpflichtungen konnte ich den ganzen Tag tun, was immer ich wollte.

Es wäre mir natürlich möglich gewesen, bereits viel früher finanzielle Freiheit zu erlangen, wenn ich rechtzeitig begonnen hätte, digitale Produkte zu entwickeln, die die Probleme anderer Menschen lösen, anstatt - so wie ich es tat - tagelang zu zocken. Auf jeden Fall hätte ich so die lästigen Kommentare bezüglich des Muttersöhnchens vermeiden können.

Etwa zwei Wochen nach meinem Umzug hatte ich mich vollständig in die neue WG eingelebt und verspürte den Wunsch, mal wieder in die Baggi zu gehen. Der Club befand sich nur fünfhundert Meter von meiner Wohnung entfernt. Ich entschloss mich, an einem Samstagabend vorbeizuschauen und danach spontan um drei Uhr morgens nach Hause zu laufen. Es ist ein großartiges Gefühl, nicht mehr auf den Zug bis sechs Uhr morgens warten zu müssen.

Während ich dort war, wurde ich zum ersten Mal von einer Menschenmenge in die Luft gehoben, ähnlich wie beim Crowdsurfing. Der Spaß am Tanzen war mir nicht verloren gegangen. In einer Tanzpause setzte ich mich im Schneidersitz auf ein Sofa und wurde von zahlreichen Leuten angesprochen.

Ein brünettes Mädel, das wahrscheinlich Anfang zwanzig war, setzte sich neben mich. Ich legte meinen Arm auf ihre Schultern, und sie lehnte sich mit dem Kopf an mich an, während sie etwas auf dem Handy schrieb.

»Ich möchte heute mit dir einschlafen«, sagte sie zu mir und schaute mich mit ihren dunklen Augen an.

»Wie heißt du denn?«, fragte ich sie.

»Sydney, und wie heißt der Superstar?«

»Alexander«, antwortete ich lachend.

»Sydney, ich kann dich heute nicht mit zu mir nehmen. Ich habe eine Freundin«, führte ich leicht enttäuscht fort und küsste sie auf den Kopf.

Sie schaute erneut aufs Handy und tippte etwas.

»Okay. Dann gehe ich weiter meine Freundin suchen«, sagte sie und ging weg.

Kurze Zeit später kehrte sie zurück, lehnte sich wieder an mich und tippte erneut etwas auf dem Handy. Ich saß da wie eine der Buddha-Statuen und beobachtete die Tanzmenge. Obwohl ich den Impuls hatte, sie zu küssen, hielt mich der Gedanke an Jule zurück. Einige Minuten später ging sie erneut.

Kurz darauf kamen drei Jungs vorbei und gaben mir ein High Five. Ein junger, blondhaariger Mann mit einer eckigen Brille und dicken Gläsern, der nicht dem typischen Clubgänger-Klischee entsprach, setzte sich neben mich.

Wir lächelten uns an, unsere Blicke trafen sich.

»Na, kommst du hier öfter her?«, fragte er, während er sich zu mir herüberbeugte, da die Musik ziemlich laut war.

»Früher war ich oft hier. Ich wollte mal wieder tanzen. Einfach nur tanzen. Aber ich bin leider in einer Beziehung«, schrie ich ihm ins Ohr.

»Leider?«, fragte er mit einem verschmitzten Lächeln.

»Tja, das war wohl ein Versprecher«, erwiderte ich lachend.

»Ich war seit Beginn der Pandemie nicht mehr hier«, erzählte er weiter.

»Kommst du auch nur zum Tanzen her?«

»Tanzen und hoffentlich jemanden kennenlernen«.

»Meinst du für eine Nacht oder suchst du nach etwas Festem?«

»Ich suche nach einer festen Beziehung. One-Night-Stands sind nicht mein Ding«.

Er wirkte tatsächlich nicht wie jemand, der auf der Jagd nach kurzen Abenteuern war. Eher wie ein netter Kerl.

»Was für einen Typ Frau bevorzugst du?«, fragte ich neugierig.

»Sie sollte nicht zu alt und nicht zu jung sein. Am besten ein Jahr jünger als ich und brünett«.

»Und was ist, wenn dich auf der Tanzfläche eine Blondine anspricht?«

»Nun ja, ich hätte nichts dagegen. Sie kann immer noch ihre Haare färben«.

Wir lachten.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte er.

»Sascha, und du?«

»Nico«, antwortete er, und wir schüttelten uns die Hände.

So lernte ich also jemanden kennen, der hin und wieder mit mir in Clubs und Bars ging und mit dem ich mich gut verstand.

Nach einem weiteren kurzen Gespräch ging es für uns auf die Tanzfläche. Diese war überfüllt, doch wir fanden dennoch eine kleine freie Ecke, wo ich mit Nico so tanzte wie jeder andere auch. Mit Augenzwinkern und subtilen Gesten wies ich auf brünette Mädchen hin, die Nico ansprechen könnte. Manchmal traute er sich, manchmal nicht. Und wenn er es versuchte, bekam er nur Körbe.

Schließlich zeigte die Uhr drei an, und wir verließen den Club ohne Begleitung, dafür jedoch mit den Anfängen einer vielversprechenden Freundschaft.

zzZ...

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, traf ich Hanna in der Küche. Sie erzählte mir aufgeregt, dass sie einen interessanten Kerl kennengelernt hatte und nächsten Donnerstag mit ihm und einigen Freunden ins Enchilada gehen würde. Das war eine Bar, in der man die Cocktail-Preise würfeln konnte. Ich fand die Idee interessant und sagte zu.

Sie war auch aufgeregt wegen einer anderen bevorstehenden Sache: der Augenlaser-OP. Endlich wollte sie ihre Brille loswerden und sich diesen langgehegten Wunsch erfüllen. Ich freute mich sehr für sie und während des Gesprächs spielte ich selbst mit dem Gedanken, meine Kurzsichtigkeit irgendwann korrigieren zu lassen. Doch im Moment, nachdem ich gerade eine stattliche Kaution bezahlen musste, erschien es mir zu teuer und auch ein wenig beängstigend, wenn man bedenkt, dass am eigenen Auge mit einem Laser rumgeschnitten wird.

Nach einem gemütlichen Kaffeeplausch mit Hanna begab ich mich zurück in mein Zimmer, um an meiner Masterarbeit zu arbeiten. Mein Schreibtisch stand neben der Doppeltür, die ins Zimmer von Claudia führte. Während meiner Zeit in Borsum fiel es vielen oft gar nicht auf, wenn ich mich im Zimmer aufhielt, da ich äußerst leise war. Ich konnte mich sogar unabsichtlich unbemerkt von hinten an jemanden anschleichen, ohne dass er oder sie es merkte. Claudia hatte diese ninjaähnliche Fähigkeit jedoch noch besser drauf als ich. Weder konnte ich durch die stark schalldurchlässige Doppeltür hören, noch bemerkte ich, wenn sie das Zimmer verließ, um auf die Toilette zu gehen. Das war für mich recht praktisch, da ich mich so besser auf meine Masterarbeit konzentrieren konnte, wenn ich von zu Hause aus arbeitete.

Am Nachmittag gönnte ich mir zu Hause ein selbstgemachtes veganes Rührei mit Lauchzwiebeln und machte mich dann auf den Weg zu Jule. Wir hatten ein ausgiebiges Gespräch über unsere Beziehung, das bis ein Uhr nachts dauerte. Sie erzählte mir von ihren Plänen, Ende September an einer Summer School in Frankreich mit einem Kollegen teilzunehmen und danach für einige Tage nach Italien zu reisen, wo sie mit Shinshu Urlaub machen würde. Die Tickets und das Hotel waren bereits gebucht. Diese Nachricht traf mich wie ein Schock. Ich war nicht direkt traurig, aber ziemlich verärgert, dass sie ohne Rücksicht auf meine Gefühle ihren Urlaub mit einer vermeintlichen Urlaubsaffäre geplant hatte. Obwohl ich ihr offen gesagt hatte, dass mich diese Aktion sehr verärgert, tröstete sie mich nur mit ein paar Streicheleinheiten auf dem Kopf, nach dem Motto »das wird schon«. Anstatt mit Jule Schluss zu machen, hegte ich den Gedanken, ihr auf meine Weise heimzuzahlen, während sie mit Shinshu verkehrt...


Learnings aus diesem Lebensabschnitt: Ich habe daraus gelernt, nicht krampfhaft an einer Beziehung festzuhalten, wenn die Beziehung einem sehr viel Energie raubt und keine Beziehungsgespräche die Situation verbessern.

Mein erstes bewusstes Gesundheitsupgrade: Ich trinke keine Softdrinks mehr, aufgrund des hohen Zuckergehalts, aber auch, weil sie reine Kalorien ohne nährstoffreichen Inhalt sind. Das heißt für mich konkret: Ab heute keine Cola mehr zum Silvester oder in Cafés und Restauraunts.