Alexander Fufaev
Ich heiße Alexander FufaeV und hier schreibe ich über:

7. Juni 2024: Stefanie, die äußerst gesprächige Göttin und der Spaß im Dax

7. Juni 2024. Heute Abend habe ich eine WG-Besichtigung in Bielefeld. Seit gestern Abend habe ich an Mara gedacht und heute morgen habe ich sie gegoogelt und ihren Kanal über Diabetes Typ 1 gefunden. Ich habe ein Video von ihr gesehen und mein Herz beginnt schneller zu schlagen, wenn ich sie sehe. Es kribbelt in meinem Bauch. Passen wir zusammen? Meine Intuition sagt subtil nein, aber ich möchte sie trotzdem in meinem Leben haben.

Ich habe ihr eine Nachricht auf ihrem Kanal geschickt. Kurz darauf hat sie mich blockiert. Das ist schade, aber ich liebe sie als Mensch, unabhängig davon, was sie für mich empfindet. Ich weiß, dass sie ein wunderbarer Mensch ist und ich bin dankbar, dass ich ihre Liebe erfahren und von ihr lernen durfte. Vielleicht hat das Universum einen anderen Weg für mich vorgesehen? Amor Fati.

Heute ist der fünfte Tag ohne Brot. Ich muss sagen, dass die gebackenen Brötchen auf dem Küchentisch heute verlockender sind als sonst. Und auf Kaffee habe ich fast keine Lust mehr. Ich glaube, wenn ich weiterhin koffeinfrei lebe, wird die Lust ganz verschwinden.

Statt Brötchen mit veganen Ersatzprodukten habe ich mir etwas Wassermelone aufgeschnitten, ein paar Erdbeeren gewaschen und ein paar Weintrauben. Dazu statt Kaffee ein warmes Glas Wasser mit einem Schuss Zitronensaftkonzentrat. Das Verlangen nach Kaffee ist fast verschwunden. Fufaev frühstückt schon seit 5 Tagen ohne Brot und Kaffee

Während ich den Geschirrspüler ausräumte und mich für den Spagat streckte, hörte ich einen Vortrag von Prof. Dr. Spitz über Autoimmunerkrankungen. Vielleicht habe ich eines Tages eine geniale und einfache Idee, wie man Typ-1-Diabetes heilen kann, d.h. wie man dem Immunsystem sagt, dass es die Insulinproduktion der Speicheldrüse nicht angreifen soll.

Ich bin um 13 Uhr mit dem Bus nach Hannover gefahren. Ich habe die neuen Barfußschuhe »Leguano Classics« angezogen und will sie heute ein wenig in der Praxis testen. Es ist teilweise bewölkt, aber immer noch sehr warm.

Ich stehe an der Bushaltestelle und bin so glücklich darüber, wie viel bequemer und luftiger sie sind als Socken und Kami-Barfußschuhe. Die Zehen haben mehr Freiheit, weil der Schuh nur ein Strumpf mit Sohle ist. Alexander Fufaev mit neuen Barfußschuhen Leguano Classics

In Hannover gehe ich zum Gleis 12, wo der Zug nach Bielefeld abfahren soll. Der Bahnsteig ist voller Menschen. Auf Gleis 12 steht noch der Zug nach Braunschweig. In 10 Minuten sollte der Regionalzug nach Bielefeld kommen. Noch 5 Minuten. Der Zug kommt nicht. Die Anzeigetafel zeigt keine Verspätung an. Der Zug nach Braunschweig fährt nicht. Dann endlich die Lautsprecherdurchsage: Wegen eines Notarzteinsatzes auf Gleis 12 fällt der Zug nach Bielefeld aus.

Die Menschenmenge strömt an mir vorbei in Richtung Treppe. Ich bleibe stehen und schaue auf die Anzeigetafel. Der Zug nach Bielefeld wird noch angezeigt. Ich warte noch zehn Minuten. Dann verschwindet die Fahrt auch von der Anzeigetafel. Ich gehe raus vor den Bahnhof, hole den Laptop und schreibe an einem Tisch am Stadtstrand eine Nachricht an die WG, dass ich heute nicht zur WG-Besichtigung kommen kann. Komischerweise habe ich von der WG auch kein »Okay« bekommen, dass ich heute komme.

Ich setze mich draußen am Bahnhof auf eine runde steinige Bank um einen Baum und überlege, was ich jetzt mache. Vielleicht ist es ein Zeichen, dass ich Göttinnen ansprechen soll, um heute endlich eine kennenzulernen, die langfristig in meinem Leben bleibt? Ich wende mich nach rechts und sehe das Cover. Ein englischsprachiges Buch von Stephen Hawking. Eine kurze Geschichte der Zeit. Ist das vielleicht ein Zeichenß Ich wende mich an die junge blonde Göttin.

»Ich habe das Buch auch gelesen. Hast du auch was mit Physik zu tun?«

Sie dreht sich zu mir um. »Nein, ich trainiere meine Englischkenntnisse und Naturwissenschaften interessieren mich generell«, antwortet sie.

Eigentlich wollte sie ihre Schwester in Hannover besuchen und wohnt in Braunschweig. Aber da der Zug ausgefallen ist, wartet sie nun auf ihren Freund, der sie abholt. Meinen Vorschlag, gemeinsam am Stadtstrand einen Cocktail zu trinken, lehnt sie daher ab.

Auf dem Weg zum Kröpcke entdecke ich noch eine interessante Blondine. Sie feiert heute mit ihren Freundinnen einen Junggesellenabschied und wartet gerade auf sie. Sie schlug mir vor, mich ihr anzuschließen. Ich habe abgelehnt, weil ich nicht die Kapazität habe, mich mit vielen Leuten gleichzeitig zu sozialisieren.

In der Innenstadt kommt eine rothaarige Göttin mit Sommersprossen um die Ecke. Ich zögere einen Moment. Dann drehe ich mich um und hole sie ein.

»Wollen wir Freunde sein?«, spreche ich sie von der Seite an.

Sie lacht. »Nein, danke.«

Ich spüre, wie mich die Körbe weiter nach unten ziehen. Ich spreche Mia aus Hannover an. Sie ist vergeben und nicht interessiert.

»Wird dein Freund eifersüchtig, wenn du einen männlichen Freund hast?«, fragte ich Mia.

»Mein Freund hat nichts zu sagen. Ich mache, was ich will. Und nein, ich will nicht«, sagte sie mit ernster Miene.

Dieser Korb hat mir die Motivation genommen, weitere Götinnen anzusprechen. Ich habe keine Lust mehr und laufe, ohne mich umzusehen, direkt zum Zug nach Harsum um 18.34 Uhr. Es ist 18.30 Uhr. Als ich am Bahnsteig ankomme, stelle ich fest, dass er völlig überfüllt ist. So voll, dass man nicht einmal auf dem Boden sitzen konnte. Darauf hatte ich keine Lust. Also wartete ich vor dem Bahnhof auf den nächsten. Ist das Schicksal, habe ich mich gefragt? Ich gehe spazieren und einen veganen OREO-Milchshake im Hugendubel zu trinken. Alexander Fufaev trinkt OREO Milchshake bei Coffee Friend im Hugendubel

Ich versuche, den nächsten Zug um 19.34 Uhr zu bekommen. Wieder komme ich um halb auf dem Bahnsteig an. Der Zug ist genauso voll. Komisch, denke ich. Ich gehe zum Stadtstrand, um mir etwas zu trinken zu gönnen und vielleicht auch zu tanzen. Vor dem bahnhof höre ich vom Stadtstrand her Mainstream-Musik. »Wow«, dachte ich, dazu könnte ich tanzen, aber erst mal eine Zigarette, um mich zu trauen. Alexander Fufaev am Stadtstrand in Hannover 2024

Eine Frau, die auf ihren Mann und ihren Sohn wartet, gibt mir eine. Ich zünde sie mir am Stadtrand an, wippe mit dem Kopf zur Musik und rauche sie. »Scheiß drauf«, denke ich, »ich tanze jetzt«, obwohl mir der Mut fehlt.

Ein junges Mädchen hüpft mit erhobenen Armen vor der DJ-Bühne. Sie hat ein künstliches Lächeln auf dem Gesicht und sieht aus, als würde sie unter Drogen stehen. Ich stehe ebenfalls vor der DJ-Bühne und tanze. Das Mädchen springt auf mich zu und twerkt direkt an meinem Penis. Ich gehe zur Seite und tanze dort weiter. Sie kommt wieder auf mich zu und ich laufe tanzend von ihr weg. Sie ist ja ganz schön krass drauf, denke ich und hole mir erst mal ein Getränk, um warm zu werden. Ich habe mir eine Bacardi Cola geholt. An der DJ-Bühne werde ich angesprochen.

»Entschuldigung.« Ich drehe mich um.

»Kannst du mir bitte sagen, wie spät es ist?«, fragt mich eine etwa 1,75 Meter große Göttin, wahrscheinlich Mitte 40, mit schulterlangen dunkelroten Haaren.

Ich schaue auf mein Smartphone.

»Es ist 20 Uhr«, sage ich.

»Ah, danke«, antwortet sie, »und du bist zum Tanzen und Trinken hier?«, fragt sie weiter.

»Ja genau. Mein Zug ist ausgefallen, daher habe ich mich entschieden, hier am Stadtstrand Zeit zu verbringen. Und du?«

»Ich passe auf Céline auf«, sagt sie und zeigt auf das Mädchen, das vorhin mit mir getanzt hat. Inzwischen tanzt sie mit einem anderen, der eine schwarze Schweinemaske trägt.

In schnellem Tempo erzählt sie weiter: »Ich stehe hier immer noch in Reitklamotten«, sie zeigt auf ihre helle, erdverschmierte Jeans, »ich bin am Raschplatz ausgeraubt worden. Ich wollte einem Obdachlosen einen Kaffee holen, da kam ein Mann und hat mir die Tasche aus der Hand gerissen«, sie redet ununterbrochen weiter, ohne dass ich groß darauf reagieren kann, »jetzt habe ich weder meinen Ausweis noch mein Portemonnaie«.

Wir setzten uns auf die Bank vor dem DJ und redeten weiter. Sie hat mir von ihrem Leben erzählt. Sie war im Krankenhaus und ist jetzt entlassen. Sie war gerade bei der Polizei und hat Anzeige wegen Diebstahls erstattet. Sie hat so schnell und ununterbrochen geredet, dazu die laute Musik, das hat meinen Kopf mit Informationen überfüllt. Um ihren Redefluss zu unterbinden, habe ich ihr einen Drink angeboten. Sie war einverstanden. An der Theke wollte sie nicht nur eine Cola, sondern überredete mich, zwei Mexikaner zu holen.

Eigentlich wollte ich kein Geld für Alkohol ausgeben, aber sie hat mich leicht überredet. Ich schnorrte mir eine Zigarette und wir saßen weiter auf der Bank und sie redete. Ich konnte sie nur kurz unterbrechen, um ihr zu sagen, dass ich aus der Hand lesen kann. Sie hatte eine sehr seidige Haut, ihre Hand vom Element »Wasser« und ihre Fingernägel waren rot lackiert. Das besondere an ihren Händen war: Die Schicksalslinie an beiden Händen verlief ununterbrochen vom Handgelenk bis zur Herzlinie. Das sah ich zum ersten Mal.

Dann zeigte sie mir die Sachen in ihrem grauen Rucksack. Flyer, Nagellack, Lippgloss und viele andere Kleinigkeiten. Ein Sammelsurium von Dingen, die man normalerweise nicht zum Pferd mitnehmen würde. Unsere Knie berührten sich, während sie weitersprach.

»Stefanie? Mein Kopf ist komplett voll. Ich küsse dich jetzt einfach mal«, sagte ich leicht beschwipst und wollte sie auf den Mund küssen. Sie drehte ihren Kopf und präsentierte mir stattdessen ihre Wange.

Sie trug Lippgloss auf ihre Lippen auf.

»Ich will auch«, sagte ich.

Sie trug den Lippgloss auch auf meine Lippen auf. Es schmeckte nach Pfirsich. Nach dem Auftragen küssten wir uns auf die Lippen.

»Noch einmal«, sagte ich und formte einen Kussmund.

Sie lachte. Und wir küssten uns wieder.

»Soll ich dir auch die Fingernägel lackieren, du heißer Schwuler?«, scherzte sie.

»Klar, warum nicht.«

»Schwarz oder rot?«

»Schwarz und erst mal nur einen Nagel«, sagte ich und hielt ihr meinen rechten kleinen Finger hin.

Als sie kurz auf die Bahnhofstoilette ging, konnte ich ein bisschen tanzen. Mein Kopf wurde etwas freier. Als sie zurückkam, haben wir weiter geredet. Mein Kopf war sofort wieder voll. Sie ist irgendwie von einem Thema über ihr Leben zum nächsten gesprungen. Es war für mich unmöglich, ihr hundertprozentig zu folgen. Sie wollte noch etwas trinken. Ich gab ihr eine Bacardi Cola und einen Mexikaner aus. Ich nahm das Gleiche.

Es war schon 22 Uhr.

»Und was machst du heute noch?«, fragt mich Stefanie.

»Ich gehe ins Dax. Kommst du mit?«

Erstaunlicherweise hat sie sich sehr über den Vorschlag gefreut und zugesagt. Anscheinend ist Stefanie sehr spontan.

»Ich bringe nur schnell den Pfandbecher weg«, sage ich.

Als ich zurückkam, war sie weg. Ich schaute mich um und sah, wie Stefanie mit einem Pärchen sprach, das auf den Liegestühlen saß. Ich ging zu den dreien.

Sie fragte sie, wo Dax sei. Ich hatte ihr schon vorher gesagt, dass ich weiß, wo Dax ist. Vielleicht wollte sie nur mit anderen Leuten reden, dachte ich.

Ich nahm ihre Hand und wir gingen durch den Bahnhof zu Dax. Sie schaute sich die Geschäfte links und rechts an und kommentierte, was sie sah. Sei es Douglas, ein Schreibwarenladen oder eine Buchhandlung.

Wir gingen am Burger King am Bahnhof vorbei.

»Lass uns zu Ismail gehen. Er arbeitet bei Burger King«, sagte sie und führte mich in den Laden, noch bevor ich zustimmen konnte.

»Gut, du suchst deinen Kumpel und ich gehe mal kurz pinkeln«, schlug ich vor.

Auf der Toilette von Burger King hole ich meine Bargeldreserve, einen 50-Euro-Schein, aus meinem Rucksack. Im Dax kann man nämlich nicht mit Karte bezahlen und Stefanie wollte mit mir dort etwas trinken.

Als ich aus der Toilette komme, steht sie schon vor der Herrentoilette.

»Brauchst du noch Geld?«, fragt sie mich.

»Nein, ich habe noch Bargeld.«

»Gut. Du hast sicher Paypal. Dann schicke ich dir das Geld«, sagt sie.

Mein Telefon klingelte. Es war meine Mutter. Ich ging dran.

»Alles gut Mama. Ich bleibe heute in Hannover«, sagte ich.

»Ich passe auf Alexander auf«, rief Stefanie und beugte sich zum Telefon.

Mama lachte. »Wenn was ist, ruf mich an«, sagte sie.

»Ja Mam, Stefanie passt gut auf mich auf«, lächelte ich und sah sie an.

Vor dem Dax kam sie mit dem Türsteher ins Gespräch. Ich stand nur da und wunderte mich, wie kommunikativ sie war.

»Du kannst schon mal reingehen und unsere Taschen abgeben«, sagte sie und sprach weiter mit dem Türsteher.

Ich ging rein und gab unsere Taschen und Jacken ab. Im Pascha-Club habe ich Andreas die Daxlegende getroffen und ihm erzählt, dass ich endlich jemanden kennengelernt habe. Eine sehr spontante Frau, mit der man sicher viel Spaß haben kann.

»Ich hoffe, dass ich sie heute länger küsse«, schrie ich ihm ins Ohr.

»Hör auf dein Herz und nicht auf deinen Kopf, dann klappt das schon«, freute sich Andreas für mich.

Auf der Tanzfläche tanzte eine große Frau. Ich habe daneben getanzt und mich gleichzeitig umgeschaut, ob Stefanie bereits drin ist. Dann kam sie auch schon auf mich zu und lächelte.

»Komm, lass uns was trinken. Ich habe Durst«, nahm sie mich bei der Hand und wir gingen zur Theke.

Sie holte sich ein Corona Bier und ich ein Becks. Dann bestellte sie noch zwei Tequila Shots, ohne zu fragen, ob ich überhaupt noch Geld hätte. Sie redete und redete. Es war noch schwieriger, sie zu verstehen, weil die Musik hier im Dax sehr laut war. Ich nickte nur. Ich schnorrte eine Zigarette von einem Mann, der vor der Tanzfläche stand. Stefanie folgte mir.

Sie nahm einen Zug aus meiner Hand. Ich ging auf die Tanzfläche und tanzte mit der Zigarette. Ich sah Stefanie. Sie unterhielt sich schon mit dem Mann, der mir die Zigarette spendiert hat. Die beiden schauten mich lächelnd an. Die große Frau auf der Tanzfläche tanzte mich von hinten an. Ich rieb meinen Hintern an ihr. Andreas zeigte mir den Daumen nach oben.

Stefanie kam plötzlich auf mich zu und zog mich von der Frau weg. Sie lachte, aber sie schien wütend zu sein. Sie zog mich von der Tanzfläche weg und hielt dabei meine Hand so fest, dass ich sie nicht loslassen konnte. Irgendwann lockerte sich ihr Griff und ich übernahm die Führung. Ich überholte sie und führte sie zur Joy-Tanzfläche nebenan, wo Musik aus den 90er und 2000er Jahren gespielt wurde.

Die Tanzfläche war völlig leer. Wir alberten auf der Tanzfläche herum und hielten uns an den Händen, drehten uns im Kreis wie Jack und Rose in Titanic. Ich drehte eine Pirouette, dann sie. Wir kamen uns näher, umarmten uns und gingen wieder auseinander.

Ich rauchte noch eine Zigarette, sie unterhielt sich dabei mit zwei Typen. Sie schauten mich alle an. Ich sprang mit der Zigarette wieder auf die Tanzfläche und tanzte mit zwei Mädchen, die mich angetanzt haben. Wenn sie mit den Typen quatscht, dann tanze ich mit anderen Frauen, dachte ich. Plötzlich tauchte Stefanie wieder hinter mir auf und ich drehte mich zu ihr um. Ich glaube, sie wurde schnell eifersüchtig.

Meine Stirn war mittlerweile etwas verschwitzt. Stefanie nahm den unteren Teil ihres T-Shirts und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Während sie ihr T-Shirt an meiner Stirn hochzog, konnte man als Außenstehender sicher ihre Brüste sehen.

Im leeren, verspiegelten Durchgangsraum stand sie mit dem Rücken zu mir und zog kurz ihr T-Shirt aus, das unter einem anderen T-Shirt steckte.

»Bist du verrückt?«, wunderte ich mich und konnte im Spiegel ihre Brüste sehen.

»Hier ist niemand«, lacht sie und zieht das äußere T-Shirt wieder an.

Sie traut sich was, denke ich. Das gefällt mir.

Die meiste Zeit verbrachten wir im Joy. Unser Körperkontakt wurde immer intensiver. Wir küssten uns jetzt auf die Lippen und manchmal versuchte sie, ihre Zunge in meinen Hals zu stecken. Dann zog ich mich zurück.

»Nicht so fest«, sagte ich zu ihr, weil sie beim Küssen sehr fest mit den Lippen drückte.

»Sei nicht so ein Weichei«, antwortete sie und küsste mich diesmal sanft.

»Ich mag es sanft«, erwiderte ich.

Als ich auf die Toilette ging, ohne es Stefanie zu sagen, sah ich, wie sie mich mit suchenden Augen ansah. Ich glaube, sie wollte nicht, dass wir uns in dem Club verlieren, der jetzt voll war.

»Ihr seid die Geilsten hier«, sagte ein Mann zu mir, während Stefanie sich schon mit irgendwelchen Männern unterhielt.

Ich setzte mich auf die Bank und machte eine Tanzpause mit meiner wahrscheinlich zehnten Zigarette. Ich hasse es zu rauchen, aber ich hatte so viel Spaß mit Stefanie, dass es mir in dem Moment egal war, wie viel ich schon geraucht hatte. Ab und zu bestellte ich mir ein Becks und war dann ein bisschen betrunken. Aber reden, laufen und tanzen konnte ich noch.

Sie kam zu mir und setzte sich neben mich. Kurz darauf kam ein tätowierter Mann mit der Zahl 13 auf der linken Stirnseite. Er setzte sich neben Stefanie auf die andere Seite. Sie begann mit ihm zu reden. Was sie sagten, konnte ich wegen der lauten Musik nicht verstehen.

»Bist du wirklich Russe?«, fragte er mich.

»Ja«, antwortete ich, »du auch?«

»Nein, ich bin Armenier. Aber Armenier und Russen sind wie Brüder«, rief er in akzentfreiem Deutsch.

»Und wie heißt du?«

»Alexander und du?«

»Jimmy.«

Wir schüttelten uns die Hände, während Stefanie zwischen uns saß und eine Weile schwieg. Dann unterhielten sie sich weiter, während ich auf die Tanzfläche schaute und ein paar Männer abklatschte, die ich nicht kannte, die aber anscheinend gesehen hatten, wie ich vorhin auf der Tanzfläche aufgetreten war.

»Kommt, ich gebe euch einen aus«, sagte Jimmy zu Stefanie und mir.

Wir stimmten zu. Stefanie nahm meine Hand und wir folgten Jimmy zur Bar.

»Drei Tequilas bitte«, bestellte Jimmy bei einem anderen Mann, der genauso tätowiert war wie Jimmy.

»Wow, ich weiß nicht, ob ich das heute lebend überstehe«, sagte ich.

»Du bist Russe. Du hältst das aus«, sagte Stefanie und streute mir Salz aus dem Salzstreuer für die Tequila-Shots auf den Kopf.

»Ey, was machst du da!«, ärgerte ich mich und trank meinen und ihren Tequila gleichzeitig aus.

»Was hast du davon!«, rief ich mit einer Grimmasse, wegen des eckligen Alkoholgeschmacks im Mund, ihr zu.

Sie schubste mich und lachte.

Jimmy sprach mit Stefanie. Ich stand da und beschloss, ohne ihnen etwas zu sagen, in die Bierbörse zu gehen, auf die dritte Tanzfläche im Dax. Dort lief Schlagermusik. Ich mag eigentlich keine Schlagermusik, aber mit Alkohol im Blut war die Musik erträglich. Es hat sogar Spaß gemacht, zu tanzen und mitzusingen.

Die beiden haben mich schnell gefunden. Stefanie setzte sich mit verschränkten Armen auf dem Sofa nebenan und unterhielt sich direkt mit zwei Mädchen. Jimmy, der so groß war wie ich, kam auf mich zu und legte seinen Arm auf meine Schulter.

»Gehört sie dir?«, fragte er mich, »du kannst ehrlich sein, Bruder. Wenn sie zu dir gehört, lasse ich sie in Ruhe. Ich habe Respekt vor dir.«

»Danke! Stefanie ist eine eigenständige Person. Ich besitze sie nicht. Sie und du könnt machen, was ihr wollt, ohne mich um Erlaubnis zu fragen.«

Er freute sich und tanzte eine Weile mit mir. Dann ging er zu ihr und setzte sich neben sie. Ab und zu warf ich ihr einen Blick zu. Stefanie sah mich lächelnd an, während Jimmy ihr etwas ins Ohr flüsterte.

Dann kam er wieder zu mir.

»Komm Alex, ich geb euch einen aus«, schlug er vor.

Wir gingen zurück ins Joy.

»Was möchtest du?«, fragte mich Jimmy an der Theke.

»Ich nehme eine Bacardi Cola.«

»Und du?«, fragte er Stefanie.

Sie nahm ein Corona Bier. Jimmy griff in seine Hosentasche und holte ein Bündel Geldscheine heraus. Er reichte dem Barkeeper einen 500-Euro-Schein. Ich schaute mit offenem Mund zu.

Wir setzten uns auf eine Bank. Stefanie zwischen uns. Die beiden reden über irgendetwas. Ab und zu sah Stefanie mich an und gab mir einen Kuss auf die Wange. Sie nahm einen silbernen Ring von ihrem Ringfinger ab.

»Gib mir deine Hand«, sagte sie.

Ich tat es. Sie versuchte, mir den Ring auf den rechten kleinen Finger zu stecken. Es ging nicht. Dann auf den Ringfinger. Er passte wie angegossen.

»Wenn ihr wollt, dass ich gehe, sagt Bescheid«, sagte Jimmy.

»Nein, warum«, sagte ich, »bleib bei uns.«

Sie redeten weiter. Es kam der Song »Everybody« von den Backstreet Boys. Ich konnte nicht mehr sitzen bleiben und ging auf die Tanzfläche.

Zu dritt verbrachten wir die Zeit im Club. Gegen 4 Uhr morgens verließen wir gemeinsam den Club.

»Ich möchte noch etwas essen und eine Cola trinken«, sagte Stefanie.

»Aber dann kommst du mit mir nach Hause«, fuhr Jimmy fort.

»Erst müssen wir Alexander sicher nach Hause bringen«, antwortete Stefanie, »das habe ich seiner Mutter versprochen.«

Beim Burger King wählte Stefanie für sich und mich einen veganen Burger aus, ohne dass ich auch nur gesagt hatte, dass ich essen wollte.

»Nehmen wir noch Pommes dazu?«, klickte sie auf die mittlere Pommes noch bevor ich antworten konnte.

»Ich esse nichts«, sagte Jimmy.

»Alexander? Kannst du das Essen bezahlen«, sah sie mich an, »ich schicke dir das Geld über Paypal.«

Ich war ziemlich betrunken und in dem Moment war es mir egal, wie viel Geld ich ausgab. Ich bezahlte das Essen mit der Karte.

»Ich geh mal kurz aufs Klo«, sagte ich, während die beiden zur Theke gingen.

Als ich vor dem Pissoir stand, stellte sich Jimmy vor dem anderen Pissoir an.

»Bruder, aber sag ehrlich«, sprach er mich an, während wir beide pinkelten, »wenn du sie mitnehmen willst, dann sag es.«

»Alles gut, Bruder. Wenn sie mit dir gehen will, dann ist das okay für mich. Sie kann selbst entscheiden.«

Wir gingen zusammen raus, ohne uns die Hände zu waschen. Stefanie unterhielt sich mit einem Mann, der als Reinigungskraft bei Burger King arbeitete.

»Das ist übrigens Ismail«, stellte Stefanie ihn vor.

»Ah Ismail, mein Lieber«, begrüßte ich den Bekannten von Stefanie und schüttelte ihm die Hand. Ich war betrunken genug, um mich mit jedem anfreunden zu können. Ich war sozusagen Stefanie im Normalzustand.

Wir haben gegessen. Jimmy erzählte, dass er in einem großen Haus mit einem Labrador wohnt.

»Schau mal, Stefanie. Bei Jimmy hast du bestimmt ein warmes Bett«, plappere ich leise und beiße in den Burger.

Nach dem Essen: »Das war's, Leute«, schrie ich im Burger King, so dass alle Augen auf mich gerichtet waren, »meine Gehirnzellen sind verbrannt. Die Weltformel ist nicht mehr zu finden.«

Nach dem Essen holt Jimmy eine Zigarette und gibt sie mir.

»Hier, willst du eine rauchen?«, fragt er mich.

»Klar, gib her«, lallte ich und nahm die Zigarette und das Feuerzeug.

Ich wollte die Zigarette bei Burger King anzünden, aber Jimmy hielt mich auf.

»Bist du verrückt? Aber nicht hier, Bruder. Du musst hier draußen rauchen«, führte er mich aus dem Burger King und zeigte mir die Eingangstür zum Bahnhof.

Ich ging dorthin, während Jimmy sich anscheinend weiter mit Stefanie unterhielt. Ich zündete mir die Zigarette an und setzte mich neben zwei Obdachlose auf den Boden.

»Was hast du denn da am Fuß?«, fragte ich einen, der einen Verband um den Fuß hatte.

Beide sprachen kein Deutsch und unterhielten sich, soweit ich das beurteilen konnte, auf polnisch. Mit Gesten versuchte er mir etwas mitzuteilen, was ich aber nicht verstand. Sie redeten weiter und ich schaute mich um und paffte.

Kurz darauf kam Jimmy zu mir.

»Bruder, was machst du hier mit diesen Junkies?«, fragte er mich und half mir auf.

»Das sind keine Junkies. Das sind Menschen wie du und ich«, antwortete ich und war selbst in meinem angetrunkenen Zustand erstaunt, dass Jimmy so menschenverachtend sein konnte, wenn sie nicht bestimmten Normen entsprachen. Er brachte mich zurück zum Bahnhof, wo Stefanie auf uns wartete.

»Du kannst mit Jimmy fahren. Ich finde schon alleine nach Hause«, sagte ich zu Stefanie.

»Ja, der schafft das schon«, fügte Jimmy hinzu.

»Nein, ich habe deiner Mutter versprochen, dass ich dich sicher nach Hause bringe«, erwiderte Stefanie.

Die beiden begleiteten mich mit der Straßenbahn nach Hause. An der Dragonerstraße stiegen wir aus. Es war sehr ruhig in der Morgendämmerung und ziemlich kühl im T-Shirt. Die Vögel zwitscherten und es roch frisch nach Flieder.

»Wie herrlich leuchtet mir die Natur«, dichtete ich auf dem Heimweg.

»Jetzt geht's los«, lachte Stefanie, die ich an der Taille festhielt und deren Arm um meine Schultern lag, während Jimmy neben uns ging.

»Wie glänzt die Sonne wie lacht die Flur. Es dringen Blüten aus jedem Zweig und tausend Stimmen aus dem Gesträuch«, gestikulierte ich mit der freien Hand, »und Freud und Wonne aus jeder Brust. Oh Erd', oh Sonne oh Glück oh Lust«

»Das war übrigens Goethe«, sagte ich.

»Das weiß ich«, antwortete Stefanie.

Neben der Bushaltestelle stand ein Einkaufswagen.

»Komm, wir fahren dich nach Hause«, schlug Stefanie vor.

»Okay, ich bin dabei«, entschied ich, ging zum Einkaufswagen und kletterte hinein.

»Was macht ihr da?«, fragte Jimmy erstaunt, als wären wir verrückt.

»Ich surfe«, antworte ich und balanciere im Einkaufswagen stehend, während mich Stefanie zur Haustür schiebt.

Die beiden begleiten mich bis zur Wohnungstür. Jimmy blieb unten am Hauseingang stehen. Stefanie folgt mir bis zur Wohnungstür und liest das Klingelschild.

»Lass mich mal sehen, ob du wirklich hier wohnst«, las sie das Klingelschild.

Wir umarmten und küssten uns.

»Ich komme heute bei dir vorbei«, verabschiedeten sie sich von mir. Alexander Fufaevs lackierter Fingernagel

Als ich nach Hause kam, roch ich meine neuen Barfußschuhe. Obwohl ich den ganze Nacht getanzt und geschwitzt habe, haben die Schuhe nicht gestunken und es war sehr bequem darin zu tanzen. Das sind die besten Barfußschuhe, die ich bisher hatte. Die Investition hat sich auf jeden Fall gelohnt.