Alexander Fufaev
Ich heiße Alexander FufaeV und hier schreibe ich über:

10. Juni 2024: Ein Tag mit Stefanie. Totale Überforderung. Meine Mitbewohner sind herzlos.

10. Juni 2024. Ich wache gegen 6 Uhr auf. Bevor ich wieder einschlafen kann, klingelt es an der Tür. Das kann nur Stefanie sein, denke ich. Schnell renne ich zur Tür, damit sie nicht wieder klingelt, denn meine Mitbewohner Thomas und Lara sind aus dem Urlaub zurück und schlafen noch.

»Na du.«

»Hallo«, kommt sie die Treppe hoch und gibt mir einen Kuss.

Ich setzte mich zu ihr aufs Sofa. »Ich hatte ein schlechtes Gewissen, als ich dich vor dem Bus stehen ließ«, sagte ich etwas traurig.

»Schon gut, ich habe bei meinem Kumpel im Krankenhaus übernachtet«, antwortete sie fröhlich.

Wir tranken Tee in der Küche und gingen dann in mein Zimmer. Sie hat sich auf meine Yogamatte gelegt. Ich legte mich auf den Schlafsack und ohne ihn zuzumachen, deckte ich uns beide damit zu. Stefanie lag mit dem Rücken zu mir. Ich umarmte sie von hinten und so schliefen wir ein. Wir haben bis zehn Uhr durchgeschlafen. Zwischendurch bin ich aufgewacht, weil meine Mitbewohner zur Arbeit gegangen sind und die Tür zugeknallt haben.

Da ich zu Hause nichts zum Frühstücken hatte, beschlossen wir, für ein englisches Frühstück einzukaufen. Eier, Hafermilch, Baked Beans und ein paar Tomaten. Leider nicht vegan. Ich habe eine Ausnahme wegen Stefanie gemacht.

Wir gingen los. Als der Lidl schon in Sicht war, entschied sich Stefanie um.

»Ach schau mal«, zeigte sie auf den Cevahir-Markt, »da ist es bestimmt billiger«, sagte sie und ging ohne meine Erlaubnis in den türkischen Supermarkt.

Sie holte einen Einkaufswagen und wir gingen zusammen hinein.

»Du kannst zu Lidl gehen und Eier und Hafermilch holen«, sagt sie und geht zu den Regalen.

»Okay, und du holst Tomaten.« Stefanie nimmt ein exotisches Gewürz aus dem Regal, »und nur Tomaten«, sage ich.

Ich gehe noch schnell zu Lidl und hole Bio-Eier. Als ich zum Cevahir-Markt zurückkomme und Stefanie treffe, sehe ich einen vollen Einkaufswagen.

»Mann, Stefanie, was soll das? Wir wollten doch nur für ein englisches Frühstück einkaufen!«

»Wir brauchen noch etwas für Mittag- und Abendessen«, grinst sie mich an.

»Das bezahle ich nicht, ich habe mein Monatsbudget schon weit überschritten. Ich habe diesen Monat nichts mehr zu essen«, antworte ich und stelle ein Gewürz zurück ins Regal.

»Ich gebe dir das Geld später«, sagte sie. »Hier, das kannst du auch zurücklegen«, gab sie mir eine Packung Linsen.

Ich war sehr verärgert. Wir waren schon eine Stunde da und es war eher Mittagszeit und kein Brunch mehr. An der Kasse legten wir alles auf das Einkaufsband.

»Oh, ich habe die Tomaten vergessen«, sagte Stefanie, »warte kurz hier.« Sie ging nach draußen zu den Obst- und Gemüsekisten.

Die Verkäuferin lächelte mich an. »So sind die Frauen«, sagte sie mit einem leichten Akzent.

Ich lächle zurück und denke. Nicht die Frauen, sondern Stefanie. Ich lasse andere zum Bezahlen vor. Nach zehn Minuten kommt Stefanie mit drei Tomaten zurück und legt sie auf das Band.

Ich bin genervt und habe keine Lust zu bezahlen. Ich zücke trotzdem meine Bankkarte, um keinen Ärger zu machen. Ich versuche, damit zu bezahlen. »Abgelehnt«, steht auf dem Bildschirm. Ich versuche es noch einmal. Es geht nicht. Mein Budget für Lebensmittel für diesen Monat ist bereits aufgebraucht. Noch genervter hole ich eine Notfallbankkarte aus meinem Rucksack und bezahle damit.

Auf dem Rückweg schaue ich sie nicht an. Ich bin sauer auf sie, dass sie alles zu ignorieren scheint, was ich sage. Wir halten vor dem öffentlichen Bücherschrank. Stefanie schaut sich die Bücher an und nimmt einen ganzen Stapel heraus.

»Die nehme ich für Andi«, sagt sie und meint ihren Exfreund.

»Die schleppe ich nicht mit«, sage ich ungerührt.

Sie packt die Bücher in die Plastiktüte, die Stefanie mitgebracht hat. Mir fiel fast der Arm ab, so schwer war die Tasche. Wenigstens half sie mir beim Tragen.

Zu Hause hat sie Brot in Öl gebraten und sich um Baked Beans und Tomaten gekümmert, ich habe Eier gebraten. Nebenbei hörten wir Gothic-Songs von der Band des Mannes, mit dem Stefanie noch verheiratet ist, aber nichts mehr zu tun hat.

»Wenn man so berühmt ist wie er, hat man ständig neue Frauen backstage«, sagt sie, während sie die Bohnen im Topf umrührt.

Wir sitzen am Tisch und essen. Im Hintergrund läuft klassische Musik von Tschaikowsky. Wir unterhalten uns wie ein altes Ehepaar. Sie macht sich lustig über meinen Tanz im Dax und wie ich lustig Frauen antanze und die Männer mit mir flirten, weil sie denken, ich sei schwul. Ich necke sie zurück. Stefanie ist sehr direkt.

»Du könntest niemanden umbringen. Du würdest unzählige DNA-Spuren am Tatort hinterlassen«, witzelt sie über mein Schuppenproblem.

Oder sie nimmt mein Gesicht genau unter die Lupe und kritisiert meinen unsymmetrisch geschnittenen Bart oder die paar Haare, die über meine Lippe hängen. »Die musst du abschneiden. Sie kitzeln beim Küssen«, sagt sie dann. Ich mag ihre Direktheit, aber nur, wenn sie mein Schuppenproblem nicht in der Öffentlichkeit anspricht. Dann ist es mir peinlich.

Nach dem langsamsten Brunch, den ich je erlebt habe, wollte Stefanie baden. Mich baden. Sie wollte mich von meinen Schuppen befreien. Meine Erklärung, dass Shampoos und Seifen nur noch mehr Schuppen verursachen, schien sie bewusst zu überhören.

Draußen fängt ein Regenschauer an. Wir hören klassische Musik auf meinem Laptop im Badezimmer. Wir hören, wie jemand die Tür öffnet. Das muss Thomas sein, der gerade von der Arbeit kommt. Ich schaue aus dem Bad in den Flur. Es war tatsächlich Thomas. Er ist direkt in sein Zimmer gegangen.

Stefanie ließ das Wasser in der Badewanne ein und wir gingen gemeinsam vom Bad in die Küche, um den Rest des Brunchs aufzuessen. Schließlich ist es schon 15 Uhr.

In der Küche löcherte ich Stefanie weiter mit Fragen, während sie Witze über mich machte. Es war ziemlich anstrengend.

»Scheiße, das Wasser«, fällt mir ein, dass wir baden wollten und der Wasserhahn aufgedreht war. Die Wanne war randvoll. Da half auch die Abflusssicherung nichts. Ich drehte den Hahn sofort zu.

»Scheiße, das Wasser«, erinnere ich mich, dass wir baden wollten und der Wasserhahn aufgedreht war. Die Wanne war randvoll. Da half auch die Abflusssicherung nichts. Ich drehte den Hahn sofort zu.

Stefanie kam ins Bad und zog sich mit dem Rücken zu mir aus. Ich habe mich auch ausgezogen. Sie dreht sich zu mir und sieht mich zum ersten Mal nackt, tut aber so, als wäre ich angezogen. Ich sehe auch zum ersten Mal ihren Intimbereich. Sie war am ganzen Körper haarlos, nur im Intimbereich hatte sie einen kleinen Busch.

»Sorry, ich habe mich nicht rasiert«, sagte sie, als sie bemerkte, dass ich ihren Intimbereich betrachtete.

»Das ist mir egal, ich habe nicht vor, dich zu lecken«, scherzte ich und stieg langsam in das heiße Wasser der Wanne.

Stefanie stand vor der Wanne und starrte mich lächelnd an.

»Schau nicht so wie ein Honigkuchenpferd«, sagte sie, »so kann ich gar nicht böse auf dich sein«, fuhr sie fort.

»Ich schaue nur so, weil du mich auch so anschaust«, antwortete ich.

Stefanie stieg ebenfalls in die Wanne und lehnte sich mit dem Rücken an die gegenüberliegende Seite. Wir haben einander nicht aus den Augen gelassen. Unsere Beine berührten sich. Meine Füße waren an ihrem Becken. Ihre Füße an meinem Becken.

»Du bist eindeutig schwul«, kommentierte Stefanie mit Blick auf meinen schlaffen Penis.

Ich war überhaupt nicht erregt und wollte jetzt auch keinen Sex. »Ja, ich stehe nur auf George Clooney«, scherzte ich.

Nach dem Bad stieg ich aus, trocknete mich ab und zog mich an. Nach ein paar Minuten war ich bereit, nach draußen zu gehen. Stefanie wollte noch einen Spaziergang machen. Aber sie ließ sich viel Zeit und redete und redete. Es dauerte mir zu lange, im Bad auf sie zu warten, also ging ich in die Küche und aß dort weiter. Stefanies Verhalten war sehr anstrengend. Es war nicht leicht, sie immer wieder davon abzuhalten, Duschgel, Shampoo und Handtücher meiner Mitbewohner zu benutzen.

»Stefanie. Bitte mach keinen Scheiß im Bad«, rief ich aus der Küche. Ich wollte nicht, dass sich meine Mitbewohner ärgern, weil ihre Sachen benutzt oder umgestellt wurden.

Gegen 17 Uhr fahren wir in die Nordstadt, um im Georgengarten spazieren zu gehen. Was mir auffällt, wenn ich mit Stefanie unterwegs bin: In der Straßenbahn kann ich mehr ich selbst sein, ohne mir Gedanken über die Leute um mich herum machen zu müssen, die zuhören. Mit Jule war das zum Beispiel nicht so. Bei ihr habe ich mich nicht so getraut, etwas zu sagen, wenn fremde Leute zuhören.

Wir gehen raus und halten uns an den Händen. Ich halte gerne ihre Hand. Als ich mit Jule zusammen war, war das nicht so. Aber das lag nicht an Jule, sondern an meinem Selbstwertgefühl. Ich habe mich früher einfach weniger getraut, in der Öffentlichkeit ich zu sein.

Stefanie hat schnell vergessen, was wir eigentlich machen wollten. Meine Erinnerung hat nichts gebracht. Sie wollte Andi besuchen, ihren Ex, der ihr noch Geld schuldet.

Wir stehen vor der Wohnung und klingeln. Die Tür geht auf.

»Soll ich auch reinkommen?«

»Ja, Andi, die Couchpotato ist nett.«

»Aber ich habe jetzt keine Lust, mich mit neuen Leuten zu sozialisieren.«, führte ich fort.

»Wir geben ihm einfach die Bücher und gehen dann«, antwortete Stefanie und wies auf den Stapel Bücher, den sie aus dem öffentlichen Bücherschrank mitgenommen hatte.

»Gut.«

Ihr Ex kommt die Treppe herunter, weil Stefanie, anstatt die Treppe zur Wohnung hinaufzugehen, erst einen Passanten nach der nächsten Bank fragen wollte.

Vor uns steht Andi, ein großer, dicklicher Mann mit grauen Haaren und im Anzug. Er schaut Stefanie ängstlich an.

»Wir haben dir ein paar Bücher mitgebracht.«

»Ich brauche keine Bücher«, sagt er nervös, »ich habe jetzt keine Zeit«.

»Okay, dann gehen wir wieder«, sagte Stefanie.

Er hat die Bücher nicht angenommen, also musste ich die ganze Zeit Stefanies schwere Tasche tragen.

Unterwegs hat Stefanie Pfandflaschen gesammelt. Das war irgendwie seltsam. Sie wollte sich davon immer etwas Süßes kaufen. Ein Obdachloser hat uns um Geld gebeten. Da hat sie ihm die Pfandflaschen gegeben. Wenn irgendwo Müll herumliegt, sammelt sie ihn auf und wirft ihn in den Mülleimer nebenan. Wir gehen nicht geradeaus, sondern im Zickzack. Ich weiß nicht, was anstrengender ist, die Tüte oder Stefanies Verhalten. Aber ich weiß jetzt, dass es wahrscheinlich an ihrer psychischen Erkrankung liegt. Das muss ich noch genauer untersuchen. Ich weiß immer noch nicht, was es bedeutet, bipolar zu sein.

Sie bleibt vor dem Allianzgebäude stehen und schaut sich die Flyer an. Der Mann am PC hinter der Glasscheibe bemerkt uns. Er steht auf und öffnet die Tür. Er guckt uns an, als wären wir zwei Geringverdiener oder so. Naja, das bin ich auf jeden Fall.

»Hallo, ich möchte eine Pferde-OP-Versicherung abschließen«, sagt Stefanie.

»Ach ja, kommen Sie rein«, antwortet der Mann und sein Gesicht wirkt plötzlich freundlich.

»Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«, fragt er, als wir an einem runden Tisch im Wartezimmer Platz nehmen.

»Ja, schwarz und mit viel Zucker, bitte«, sagt Stefanie.

Der Mann schaut mich an. »Nein, danke«, antworte ich.

Der Mann macht Stefanie Kaffee und geht kurz in sein Büro, um die Unterlagen vorzubereiten.

Stefanie gibt mir einen Schluck zum Probieren. »Das ist wie eine Limo mit Koffein«, sage ich nach dem ersten Schluck.

Dann ging sie nach nebenan zu dem Allianz-Mitarbeiter und ich wartete im Nebenzimmer und schrieb mein Tagebuch weiter.

»Ich habe jetzt eine Versicherung für Pferd, Katze und Hund.«

»Und für mich?«, scherzte ich.

»Für dich schließe ich gleich eine Unfallversicherung ab«, lacht sie, »wenn du über mich Blödsinn in dein Tagebuch schreibst.«

Sie geht zurück ins Büro. Ich höre ihr dumpfes Gemurmel hinter der Glasscheibe. Sie erzählt von mir und wie wir uns kennengelernt haben.

Es vergehen zehn Minuten. Dann kommt sie vom Gespräch mit dem Allianz-Berater zurück. »Hey, Schnuckiputz, brauchst du eine Versicherung?«, fragt sie mich.

»Du weißt doch, als Minimalist brauche ich keine Versicherung.«

»Ach ja, du Minimalist«, sagt sie, geht zurück ins Büro und erzählt dem Berater erst einmal, wie ich minimalistisch lebe. Ich muss grinsen. Was für eine Quasselstrippe, denke ich.

Das Gespräch hat über eine Stunde gedauert. Ich bin froh, dass wir da raus sind.

Es nieselt. Am Welfengarten pinkle ich in den Busch. Stefanie hat inzwischen einen Riesenpilz gepflückt und in die Tüte gesteckt. Wir gehen weiter zur Lutherkirche.

Stefanie geht in den »Suppenhandlung« hinter der Lutherkirche. Ich warte draußen auf sie und esse die Reste, die ich vom Brunch mitgenommen habe. Sie kommt heraus und schlägt mir vor, hier zu essen. Die Mitarbeiterin hört das.

»Wir machen jetzt zu. Aber ihr könnt gern morgen kommen«, sagt sie und stellt die Stühle auf die Tische.

Stefanie stimmt und zu. Wir gehen weiter.

»Stefanie?«

»Ja.«

»Ich habe eine Bitte an dich. Nimm keine Bücher mehr mit«, sage ich und blicke auf den Bücherschrank, der vor uns auf dem Weg steht.

»Ich schaue sie mir nur an«, sagt sie und läuft zum Bücherschrank.

Ich stehe daneben und bete, dass sie sich daran hält. Sie zieht ein dickes Buch heraus.

»Gelesen. Gelesen«, sie fährt mit dem Finger über die Bücher, »gelesen. auch gelesen.« Bei einem schwarzen Buch bleibt sie mit dem Finger stehen. »Das kenne ich noch nicht«, sagt sie und zieht es heraus.

Ohne mich um Erlaubnis zu fragen, legt sie es in die Tüte in meiner Hand. Ich rolle nur die Augen und akzeptiere es.

Sie will noch schnell zu Rossmann, um sich Nagellack zu kaufen. Ich warte draußen auf sie. Ich warte und warte. Eine halbe Stunde vergeht. Ich möchte etwas trinken und greife in meinen Rucksack. Meine schwarze Trinkflasche ist nicht zu finden. Ich schaue in Stefanies Tasche. Da ist sie auch nicht.

Ich bin genervt. Ich frage einen Bettler, ob er auf die Tüte aufpassen kann und laufe schnell in die Drogerie. In der Schminkabteilung finde ich Stefanie, die sich gerade mit Parfüm einsprüht.

»Wo ist meine Flasche?«, frage ich sie genervt.

»Keine Ahnung. Ist sie nicht in deinem Rucksack oder in deiner Tasche?«

»Nein.«

Sie legt die Parfümprobe zurück und geht endlich mit mir nach draußen. Sie kontrolliert noch einmal meinen Rucksack und ihre Tasche.

»Vielleicht habe ich sie in der Suppenhandlung liegen lassen«, antwortet sie gelassen und kramt in ihrer Tasche.

Ich werde sehr sauer. »Ich sehe mal nach«, sage ich. Am Stefanies Gesicht erkennt man, dass ihre Stimmung kippt. »Ich habe keine Lust auf dieses Hin und Her, ich gehe danach nach Hause«, füge ich hinzu und gehe, ohne sie anzuschauen in Richtung der Suppenhandlung.

Ich gehe den gleichen Weg zurück, den wir gegangen sind, und denke darüber nach, wie erstaunlich es ist, dass eine verlorene Flasche Groll in mir auslöst. Meine Flasche verursacht einen Konflikt zwischen mir und Stefanie. Dann denke ich: Ich sollte das als Chance sehen: Vielleicht ist es besser, dass ich jetzt keine Trinkflasche habe. Vielleicht finde ich sogar eine noch bessere Alternative zur Trinkflasche. Mein Groll verfliegt wieder und ich gehe noch einmal am Bücherschrank vorbei und dann zurück zu Rossman, um mich bei Stefanie zu entschuldigen.

Stefanie steht immer noch da und unterhält sich mit dem Obdachlosen. Ich gehe auf sie zu. Sie scheint zu schmollen.

Sie bemerkt mich. »Bitte tu mir das nicht wieder an«, sagt sie, als ich bei ihr bin.

»Was meinst du damit?«

»Lauf nicht einfach weg, ohne mir Bescheid zu sagen.«

»Das habe ich dir ja gesagt«, sage ich, »aber entschuldige, dass ich so kalt reagiert habe. Wegen einer Flasche...«

Sie nimmt meine Entschuldigung an und wir umarmen uns.

»Ich kann morgen im Café nachfragen, ob ich deine Flasche dort vergessen habe«, beruhigt sie mich und wir gehen zu mir, um zu kochen.

Mittlerweile ist es 20 Uhr und Stefanie und ich haben Hunger. Als wir bei mir ankommen, bitte ich sie, kurz draußen zu warten, damit ich meine Mitbewohner fragen kann, ob es in Ordnung ist, wenn Stefanie über Nacht bleibt und wir kochen.

Ich treffe Thomas und Lara in der Küche. Thomas fragt, wer heute da war. Ich erzähle von Stefanie und dass sie eine bipolare Störung hat und deshalb viel redet, aber sonst harmlos ist. Die beiden schauen skeptisch, sagen aber nichts.

»Ach, und Lara? Ich kaufe dir gleich deine Butter, die Stefanie heute aufgebraucht hat.«

Sie bedankt sich und ich gehe kurz mit Stefanie zum Lidl, um Butter zu kaufen. Auf dem Rückweg treffen wir Thomas und Lara vor dem Haus.

Die beiden kommen auf uns zu.

»Hallo ihr beiden«, sagt Thomas und die beiden sehen aus wie Eltern, die ein ernstes Wort mit ihren Kindern reden wollen.

Stefanie stellt sich vor und redet und redet, bis mein Handy klingelt. Es ist Stefanies Mutter. Ich gebe ihr das Handy. Lara und Thomas sehen mich an.

»Alex?«, spricht Lara mich an, »wir fänden es nicht gut, wenn Stefanie heute hier übernachtet.«

Ich schaue verdutzt, nicke aber.

»Okay, wäre es okay, wenn wir wenigstens bei uns zu Hause kochen? Wir haben nämlich Hunger.«

Die beiden wollten das nicht und meinten, wir sollten woanders kochen oder essen.

Ich war einfach schockiert von meinen Mitbewohnern. Ich nahm Stefanie bei der Hand, wir verabschiedeten uns und gingen in die Innenstadt.

Wir sitzen in der Straßenbahn. »Wow, ich bin so froh, dass ich aus dieser WG ausziehe«, sage ich immer noch geschockt zu Stefanie, »mit solchen Leuten will ich nicht unter einem Dach leben. Wie kann man nur so herzlos sein«, fuhr ich fort.

»Und die beiden sollen Psychotherapeuten sein?«, fügt sie hinzu, kuschelt sich an mich, streicht mir durchs Haar und küsst mich ab und zu auf die Wange.

»Jedenfalls gehen wir jetzt in der Stadt essen«, fuhr ich fort. Am liebsten würde ich nach Hause fahren, aber ich wollte Stefanie nicht im Stich lassen.

»Kannst du mir dein Handy geben?«, fragt sie. »Ich rufe Andi an, damit er uns Geld gibt und wir essen gehen können.«

Ich habe ihr schon mehrmals das Handy gegeben und sie hat versucht, ihren Ex anzurufen. Er nimmt nie ab. Es scheint, als wolle er Stefanie nicht wirklich unterstützen.

»Lass uns ins Block House gehen«, schlage ich vor, »ich lade dich ein.« Sie freut sich und willigt ein.

Wir gehen ins Block House, setzen uns an einen Zweiertisch und bestellen kurz darauf. Ohne mich zu fragen, bestellt sie noch Fladenbrot und Soßen mit den Worten: »Ich geb dir das Geld morgen wieder. Wir gehen zum Schalter. Sie müssen mir auch ohne Bankkarte Geld aushändigen können« Ich bin skeptisch, akzeptiere es aber. Fufaev im Block House Hannover

Beim Essen frage ich sie nach ihrer Vergangenheit.

»Du interessierst dich mehr für mich als mein Ex mit dem ich 8 Jahre zusammen war.«, sagt sie, »Er hat sich nur dafür interessiert wie ich heiße«

Wir sind fast mit dem Essen fertig. Ich bezahle mit Karte.

»Wo wirst du übernachten?«, frage ich sie.

»Weiß nicht, vielleicht gehe ich zu Andi und er macht mir auf.«

»Und wenn nicht?«

Sie schweigt.

Es fällt mir schwer, aber ich schlage ihr vor, ein Hotel zu suchen. Und das war die dümmste Entscheidung, die ich treffen konnte. Nach einer fehlgeschlagenen Online-Buchung fuhren wir zu diesem Hotel. Sie haben uns abgewiesen, weil die Online-Buchung nicht funktioniert hat und Stefanie keinen Ausweis dabei hatte.

Stefanie ist an der Rezeption ausgeflippt, hat sich aber schnell wieder beruhigt. Ich entschuldigte mich bei dem Mann an der Rezeption für die Beleidigung. Und so sind wir bis drei Uhr morgens durch Hannover gelaufen und haben Hotels gesucht. Irgendwelche Junkies gefragt, die sich an Stefanie ranmachen wollten. Stefanie hat mir gezeigt, wo sie überall gearbeitet hat. Ich war müde, hungrig, durstig und meine Arme taten weh vom Schleppen der Tasche mit den schweren Scheißbüchern.

Kurz nach drei haben wir endlich ein Hotelzimmer gefunden. Das Cityhotel am Thielenplatz war nicht billig, ein Doppelzimmer kostete mich über 150 Euro. Stefanie überredete mich, das Frühstück mitzunehmen. Ich wollte nicht diskutieren und willigte ein.

Im Hotel bin ich ins Bett gefallen. Stefanie hat den Fernseher angemacht und ihre Lieblingsserie »Medical Detectives« geguckt. Ich habe mich an Stefanie gekuschelt und bin eingeschlafen. Cityhotel am Thielenplatz Hannover

Ich finde es faszinierend, wie wenig Schlaf man braucht, wenn man in der Manie ist. Ich frage mich, ob das daran liegt, dass Stefanie im Hier und Jetzt lebt, also nicht so viel nachdenkt und sich das Gehirn schneller erholt.

Ich bin heute dankbar:

  • Dafür, dass ich viel von Stefanie lerne.
  • Dafür, dass ich mehr über Stefanies Leben und ihre äußerst komplexe Persönlichkeit erfahren habe.
  • Dafür, dass ich mich in Anwesenheit von Stefanie nicht verstellen muss, obwohl wir uns erst seit drei Tagen kennen.
  • Dafür, dass ich realisiert habe, dass materielle Dinge (wie die Trinkflasche) zwischenmenschliche Konflikte verschärfen können.